Texte 2022 und davor

 

Umwege

So viele Umwege habe ich in meinem Leben gehen müssen.
Deshalb kenne ich mich jetzt da auch so gut aus. Fragt mich ruhig….

(April 2021)

Versuche

Ich habe es schon hundertmal versucht,
immer sind meine Ideen im Sande verlaufen.
Heute versuche ich es einmal auf der Straße.

(April 2021)

Fehler

„Wenn ich Fehler hätte“, sage ich zu meiner Frau,
„würde ich die sofort zugeben.
Aber ich habe ja keine!“

( 2021)

Etwas

auf den Punkt zu bringen
ist nicht schlicht und einfach
sondern eine elende Plackerei.

Da beneide ich Künstler,
die ein Bild nach dem anderen malen können.

Ich suche, weiß aber nicht was,
möchte eine Witterung aufnehmen,
einen Einstieg finden in eine Höhle,
dort wo im Märchen die Schätze liegen,
aber Sesam hat meist keine Lust
sich zu öffnen, also wandere ich weiter,
durch Textwüsten, grabe in Matsch und Müll,
suche, sammle, sortiere, siebe und
kaue wie ein Rindvieh
meine Zweifel immer wieder durch.

Da bleibt nicht viel übrig,
schließlich ist ein Punkt
auch ein ziemlich kleines Etwas, aber
manchmal, ja manchmal finde ich doch
ein Nugget,
eins aus purem Gold.

(Februar  2022)

Alles einmal gelernt

damals, dann die Klausuren geschrieben,
in Mechanik oder Regelungstechnik und
abends mit den Kumpels Bier trinken gegangen,
damit der Kopf wieder frei wurde,
um weiter zu lernen für die nächsten Klausuren.
Ja, lang, lang her.

Aber jetzt -,jetzt kreist mir dieses alte Zeug
wieder im Kopf herum
und ich kann nicht schlafen.

Zum Beispiel die Sache mit dem dünnen Stab,
der wird im Labor von oben belastet, langsam,
mehr und mehr, sieht doch super aus,
aber plötzlich macht der die Biege,
bricht mittendurch – Knickstabilität überschritten.

Da gab es doch auch so’n komischen Ausdruck –
Bifurkation? Oder? Egal! Also da gibt es einen
Verzweigungspunkt, ab dem schon Kleinigkeiten
zum Bruch führen können. Muss aber nicht.

Und wenn der Golfstrom plötzlich
auch einmal so abknickt?
Ich kann nicht schlafen…

Und dann diese ganze Kiste mit der Regelungstechnik,
mit Differentialgleichungen und imaginären Zahlen,
war nicht einfach, damals, aber zum Glück nur auf Papier.

Heute bekäme ich das nicht mehr auf die Reihe!
Und ich liege da. Einfach umdrehen? Nützt auch nichts!

Da war auch was mit linearen Reglern, Kippunkten,
auch mit Eigenfrequenz und Resonanz, wenn eine
Kinderschaukel immer wieder angestoßen wird,
immer wieder, immer höher – bis zum Überschlag?

Wenn so ein Prozess aus dem Ruder läuft,
unkontrollierbar wird, wie ein ins Schleudern
geratenes Auto oder bei Krebs,
wenn die Zellen plötzlich verrückt spielen und
zu wuchern beginnen….

Und jetzt schmelzen die Gletscher, das ewige Eis
am Nord- und Südpol, immer schneller, und die Waldbrände,
die Trockenheit, die Überschwemmungen und ich liege da…

Wirklich, ich habe das alles einmal gelernt, aber damals
waren das Übungsaufgaben, und Papier ist geduldig,
aber jetzt, jetzt wird alles greifbar,

und ich liege da und kann nicht schlafen.

(2021)

 

Schwarzbrot

Ein Künstler mag sich
von einer Rose betören lassen,
im Tanz verlieren oder sich
in einen einzigen Farbton verlieben.

Das Vorrecht des Künstlers
ist jedoch auch,
aus seiner Traurigkeit
Schwarzbrot backen zu können,
Wegzehrung für viele.

(2020)

Nee, keine Lyrik

Sagen wir mal so:
Ich schreibe Texte,
formuliere Gedanken, um sie,
dort wo ich kann,
auf den Punkt zu bringen. Alles
Versuche, mir die Welt zu erklären.

Das sind nicht unbedingt Gedichte!
Denn für ein Bergarbeiterkind
ist blumige Lyrik
auch nicht so ganz
„ihm seine“ Sache.

(2021)