Texte 2025

 

Jesus weint

(für Makoto Fujimura)

Natürlich hätte er auch
sagen können: „OK, OK,
ich bin zu spät,
Lazerus ist tot, ich weiß,
aber ich hatte noch zu tun.“

Denn wo war das Problem?
Jesus hätte doch einfach nur
mit den Fingern schnippen können,
und sein Freund
wäre lebendig gewesen.

Doch Jesus weint, warum
dieser Schmerz, warum
diese Zeitverschwendung?
Warum nimmt der Tod
seines Freundes
ihn so sehr mit?

Hinabgestiegen in meinen Schmerz,
habe ich auch seine Tränen gesehen,
über die brennenden Wälder,
über Gaza, Kiew und über
den Hass und die Häme
auf die Flüchtlinge.

Irgendwo festmachen

„No sex please, we are British!“,
funktioniert natürlich nicht,
war aber ganz lustig.

„Wir sind nicht religiös“,
glauben auch viele,
funktioniert aber ebenfalls
nicht so einfach, selbst
wenn man nicht zur Kirche geht.

Denn „religare“ bedeutet
so viel wie sich binden,
sich festmachen, irgendwo
vor Anker gehen, müsse der Mensch,
meinte schon Matthias Claudius.

Also dann Arbeit, Familie, Fußball,
Segeln, Heimat, Lederhosen,
der deutsche Wald?

Hass und Hetze stabilisieren auch,
geben Energie und Identität.

Aber dann doch lieber
Fußball als letzten Halt?
„Auf Schalke“ hat man damals
abgewunken, „nicht unser Job“,
und eine christliche Kapelle gebaut.

 

Hätte eigentlich

ein bisschen mehr sein können,
denke ich so vor mich hin
in meinem Alter,
ein bisschen mehr Karriere,
ein bisschen mehr Applaus,
also zumindest eine bessere Rente.
Bei dieser ganzen Plackerei.

So sitze ich hier und denke,
schreibe und warte,
und vielleicht
ruft Hollywood doch noch an.

Woke

war ich schon immer,
als Kind wohl ziemlich aufgeweckt,
konnte auch oft nicht schlafen,
bekam einfach viel zu viel mit.

Wenn Papa, Oma und Opa,
meine Mutter und ihre Schwestern
über Vertreibung und Flucht,
Schützengräben und Nahkampf,
Flucht, Flak, Verwundung,
über Juden im Dorf sprachen,
auch über die Angst vor den Russen,
den Transport im Viehwagon
und über den permanenten Hunger.

Da bekam ich immer Angst.

Heute müssen wir wieder
wachsam sein…

 

Du stellst meine Füße

auf einen weiten Raum,
meinen Kopf und meine Gedanken
natürlich auch.

Und so rechne ich mit mehr
als den gewohnten Dimensionen,
nutze imaginäre Zahlen, die sind
bei Differentialgleichungen
ganz praktisch.

Schwierig wird’s bei mir
dann doch bei Einstein,
bei seiner Raumzeit und den
gekrümmten Räumen, wo sich sogar
Lichtstrahlen verbiegen.

Auch staune ich über die „Schwarzen Löcher“,
die alle Materie drum herum verschlucken.
(Nein, meine Brille und den Schlüssel
habe ich dort nicht verloren.)

Und so stoße ich nicht nur dort
auf meine Grenzen.
Aber auch die kann ich nutzen, um –
wie beim Billard –
einmal über die Bande zu spielen.

 

Loslassen

ist gar nicht so einfach,
nicht nur bei den eigenen Kindern,
auch bei all dem, was man
sonst so in die Welt gesetzt hat.

Loslassen geliebter Ziele,
heute wie Baumstämme, die du sowieso
nicht mehr stemmen kannst.

Also habe ich
nicht mehr alles „im Griff“
denn wer loslässt,
bekommt die Hände wieder frei,
und nur die
können gefüllt werden.

 

Alles Erfahrung?

(für Bertrand Russel)

Alle Krähen sind schwarz,
und alle Schwäne sind weiß.

Solange bis du im Zoo
einen schwarzen entdeckst.
Der stammt aus „Down Under“.

Tja, so bleibt das Leben
eben spannend.

 

Der Fortschritt

Der Fortschritt ist fort,
einfach fort!

Vor allem unser Glaube daran!
Alles immer angenehmer,
immer noch günstiger?

Und jetzt?

Jetzt versprechen uns die Populisten
eine Rückkehr
in eine glorreiche Vergangenheit.

Prima, mit 30 war ich
viel gesünder,
ich hatte auch viel mehr Energie.

Die Sache hat leider nur einen Haken….

Unrein

werde ein Mensch
nicht durch eine falsche Speise,
sondern durch die bösen Gedanken,
die aus seinem Herzen aufsteigen
und zu Worten und Taten werden.

So oder so ähnlich hat das Jesus
einmal erklärt.
Ob er damals schon ans Internet,
an Facebook und Twitter gedacht hat?

 

My Way

Auch ich
„did it my way“,

klingt gut bei Sinatra,
höre ihm auch gerne zu.

Strangers in the night.
New York, New York,
Da war ich auch schon,
sogar mehrmals.

Aber so gradlinig war
„my way“ dann doch nicht,
weder bei ihm noch bei mir.

Umwege kosten eben Zeit –
aber erweitern bekanntlich
die Ortskenntnis.

Also sage ich mir –
auch jetzt noch unterwegs –
eigentlich ist doch immer
alles gut gegangen.