Texte 2026

 

Usse Jüppken

„wass’n Drai-Küenigs-Kindken“.

Und da war er immer stolz drauf,
allerdings stimmte nur das Datum überein.

Denn sein Vater hat sich schon früh
vom Acker gemacht, und
Schubkarre schieben und Fahrrad fahren
hat ihm dann sein Opa beigebracht.
Auch dass man von teurem Weißbrot
nicht stark werden könnte,
das ginge nur mit „Swattbroot“.

Seinen Stiefvater, dessen Namen
er später tragen durfte,
musste er dafür immer wieder
aus der Kneipe holen.

Darum wollte Jüppken
später einmal – bei seinen Kindern –
ein richtig lieber Vater werden,
das hatte sich der Kleine dann so ausgedacht.

Hundert Jahre
wäre er heute geworden,
und er hätte das gefeiert,
auch mit Enkeln und Urenkeln –
wie ein richtig großer König.

 

Wir wollten doch

aufbrechen und
alles neu und besser machen.

Schließlich boten sich uns
Möglichkeiten,
von denen unsere Eltern
nur geträumt hätten – damals
im Krieg und in der Gefangenschaft,
bei Flucht und Vertreibung
und dem Elend der Hungerjahre.

Für uns war der Fortschritt
jedoch täglich greifbar.
Wie stolz war ich
auf mein kleines Transistorradio,
ein richtiges Tonband zur Konfirmation!

Wir erlebten die Landung auf dem Mond,
im Wohnzimmer am Bildschirm
waren stolz auf unseren Käfer,
auf Taschenrechner und erste PCs.

Selbst ein Billy Graham versprach,
das Leben mit Gott
würde noch besser gelingen.

Und wir Arbeiterkinder konnten studieren,
wir wollten uns einsetzen….

Doch was haben wir jetzt?
Klimakatastrophen weltweit,
und fast unvorstellbar –
der Faschismus zeigt wieder
seine grinsende Fratze,
ganz offen und ohne Skrupel.

Was, ja was,
haben wir
falsch gemacht?
Was ist da falsch gelaufen?

Atemlos?

Manchmal bin ich
einfach atemlos,
fast so kurzatmig wie mein Opa –
aber der hatte Steinstaub.

Vertrauen und vor allem Dranbleiben
benötigen jedoch
einen langen Atem.

 

Die Entzauberung der Moderne

Das hätte der Urknall gemacht,
also die Erde erschaffen,
und nicht der liebe Gott,
hatte sein Papa gesagt.

Also das ist mir schon damals,
in der Grundschule,
ziemlich hochnäsig vorgekommen.

Und jetzt lese ich hier etwas von der
„Entzauberung der Moderne“
und bin überrascht,
denn das haut nicht
in dieselbe alte Kerbe.

So seien
die modernen Weltanschauungen alle
auf eine Täuschung hereingefallen:
Denn Wissenschaft könne
die Naturerscheinungen nicht ergründen,
sondern nur deren Strukturen und
Regelmäßigkeiten beschreiben.

Wusst‘ ich‘s doch,
da steckt mehr dahinter!
Und genau das
dachte Ludwig Wittgenstein
vor hundert Jahren auch schon.