Texte 2026
Auch Sonntagskinder
sind nicht sofort willkommen.
So hatte mein Vater acht Wochen lang
auch sonntags arbeiten müssen.
Denn Reparaturen am Schacht
durften den Förderbetrieb nicht stören.
Selbst Doppelschichten waren deshalb
keine Seltenheit. Man musste eben ran!
Schließlich sollten die Schornsteine
ja wieder rauchen.
Aber an diesem Sonntag freute er sich,
endlich einmal schlafen zu können.
Doch meine Mutter weckte ihn trotzdem:
„Es geht los!“
Also schwang er sich aufs Fahrrad, um der Hebamme Bescheid zu sagen.
Dann meiner Oma, die wohnte mit Opa
und meinen beiden Tanten weit außerhalb
bei einem Bauern über dem Stall.
Heimatvertriebene hatten zu der Zeit
nicht mehr zu erwarten.
Wie mein Vater das dann alles geschafft hat,
weiß ich nicht. Schließlich hatte auch ich
einen anstrengenden Weg vor mir.
Aber wahrscheinlich habe ich schon bald
das Licht der Welt erblickt,
denn die Hebamme hatte ein Moped.
Nun war die Freude groß
und aller Stress vergessen.
Ich krähte mit lauter Stimme;
und alle im Haus
wussten Bescheid.
Ich war eben ein Sommer-Sonntagskind
und da gönnte sich mein Vater
abends ein Bier.
Ich habe da schon geschlafen,
denn auch für mich
war das ein anstrengender Tag.
He’s got the whole world in his hands
haben wir früher gesungen.
Den roten Knopf gab es damals auch schon,
aber wir konnten darauf vertrauen,
dass auf beiden Seiten des Atlantiks
keine Selbstmörder saßen,
und Vernunft eine Chance bekam,
das war unser Gebet.
He’s got the whole world in his hands – und heute?
Physik dagegen ist seelenlos,
unbarmherzig und gnadenlos,
jetzt schmelzen die Gletscher,
die Wälder brennen,
aller Warnungen zum Trotz.
He’s got the whole world
in his hands? Oder
hat er sich schon
die Finger daran verbrannt?
Traumreisen
War gestern wieder unterwegs
an die Orte von früher,
dort, wo ich im Wald gespielt oder
liegend auf einer großen Wiese
in den Wolken
richtige Abenteuer erlebt habe.
Ich war wieder
in unserer Zechensiedlung, auch dort,
wo ich mich durch Diktate
geschwitzt habe, und vom Bodenturnen
möchte ich erst gar nichts erzählen.
Das waren jetzt alles nette Leute
mit denen ich mich dort
unterhalten habe, aber ich sage dir,
kennen, kennen tut dich
da keiner mehr.
Usse Jüppken
„wass’n Drai-Küenigs-Kindken“.
Und da war er immer stolz drauf,
allerdings stimmte nur das Datum überein.
Denn sein Vater hat sich schon früh
vom Acker gemacht, und
Schubkarre schieben und Fahrrad fahren
hat ihm dann sein Opa beigebracht.
Auch dass man von teurem Weißbrot
nicht stark werden könnte,
das ginge nur mit „Swattbroot“.
Seinen Stiefvater, dessen Namen
er später tragen durfte,
musste er dafür immer wieder
aus der Kneipe holen.
Darum wollte Jüppken
später einmal – bei seinen Kindern –
ein richtig lieber Vater werden,
das hatte sich der Kleine dann so ausgedacht.
Hundert Jahre
wäre er heute geworden,
und er hätte das gefeiert,
auch mit Enkeln und Urenkeln –
wie ein richtig großer König.
Wir wollten doch
aufbrechen und
alles neu und besser machen.
Schließlich boten sich uns
Möglichkeiten,
von denen unsere Eltern
nur geträumt hätten – damals
im Krieg und in der Gefangenschaft,
bei Flucht und Vertreibung
und dem Elend der Hungerjahre.
Für uns war der Fortschritt
jedoch täglich greifbar.
Wie stolz war ich
auf mein kleines Transistorradio,
ein richtiges Tonband zur Konfirmation!
Wir erlebten die Landung auf dem Mond,
im Wohnzimmer am Bildschirm
waren stolz auf unseren Käfer,
auf Taschenrechner und erste PCs.
Selbst ein Billy Graham versprach,
das Leben mit Gott
würde noch besser gelingen.
Und wir Arbeiterkinder konnten studieren,
wir wollten uns einsetzen….
Doch was haben wir jetzt?
Klimakatastrophen weltweit,
und fast unvorstellbar –
der Faschismus zeigt wieder
seine grinsende Fratze,
ganz offen und ohne Skrupel.
Was, ja was,
haben wir
falsch gemacht?
Was ist da falsch gelaufen?
Leise, ganz leise
Im Sturm war er nicht,
auch nicht in der Feuerwalze,
aber im flüsternden Windhauch
zog er vorüber
und sprach zum Propheten.
Und diese zarte Stimme
können auch wir
heute noch hören.
Doch wir,
wir haben ständig
das Handy am Ohr!
So sei heute
an die Stelle des Gewissens
das Smartphone getreten,
meint selbst Peter Sloterdijk.
Atemlos?
Manchmal bin ich
einfach atemlos,
fast so kurzatmig wie mein Opa –
aber der hatte Steinstaub.
Vertrauen und vor allem Dranbleiben
benötigen jedoch
einen langen Atem.
Die Entzauberung der Moderne
Das hätte der Urknall gemacht,
also die Erde erschaffen,
und nicht der liebe Gott,
hatte sein Papa gesagt.
Also das ist mir schon damals,
in der Grundschule,
ziemlich hochnäsig vorgekommen.
Und jetzt lese ich hier etwas von der
„Entzauberung der Moderne“
und bin überrascht,
denn das haut nicht
in dieselbe alte Kerbe.
So seien
die modernen Weltanschauungen alle
auf eine Täuschung hereingefallen:
Denn Wissenschaft könne
die Naturerscheinungen nicht ergründen,
sondern nur deren Strukturen und
Regelmäßigkeiten beschreiben.
Wusst‘ ich‘s doch,
da steckt mehr dahinter!
Und genau das
dachte Ludwig Wittgenstein
vor hundert Jahren auch schon.